Die Anfänge bis 1945

Erste polizeiliche Notizen über eine „sozialistische Volksversammlung“ finden sich unter dem Datum vom 8.11.1877 in Kempten. Es ist die Zeit kurz vor der Verabschiedung der Sozialistengesetze (1878-1890). Am 22.11.1890 dann Gründung eines sozialdemokratischen Wahlvereins in der Gaststätte „Goldenes Ross“ (Bäckerstr. 25), Vorstandswahl dort am 7.12.1890. Dort auch am 16.2.1891 die 1. Große sozialdemokratische Versammlung im überfüllten Saal. Referenten waren Eduard Schmid (1919-24 Oberbürgermeister von München) und der aus Hirschdorf bei Kempten stammende spätere Münchner Reichstagsabgeordnete Johann Georg Birk.

Darüber schrieb die Presse: “Um der Sozialdemokratie wirksam zu begegnen, bleibt nichts anderes übrig, als in ihre Versammlungen selbst zu gehen und die Irrlehren der sozialdemokratischen Agitatoren mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen.“ Die Presse berichtete dann nicht mehr. Nur aus polizeilichen Akten ist zu entnehmen, dass Georg von Vollmar, damaliger Reichstagsabgeordneter und ab 1894 erster Vorsitzender der SPD in Bayern, am 26.11.1891 auf einer Versammlung in Kempten sprach. 1894 nahm ein Delegierter an der Gründungsversammlung der Bayerischen SPD in Regensburg teil.

Die Mitglieder waren massiven Repressalien, besonders seitens der Arbeitgeber ausgesetzt und so tritt erst 1896 mit dem Vorsitz des Schneiders Georg Hingele Kontinuität in der Kemptener SPD ein. Er war Vorsitzender bis mindestens 1914, gründete 1899 die SPD Lindau mit, verlor 1905 seine Arbeit wegen seiner politischen Tätigkeit. 1926 wurde er für seine 35jährige Mitgliedschaft geehrt. 1905 gelang es erstmals ein Landtagsmandat durch den Münchner Arbeitersekretär Johannes Timm zu erlangen. Von 1905 bis 1933 war Timm Mitglied des Bayerischen Landtages. Während der Novemberrevolution wurde er Mitglied des provisorischen Nationalrates von Bayern. Zudem war er im Kabinett Eisner bis Februar 1919 Justizminister. Von 1918/19 bis 1933 war er Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion.

1905 wurde mit Heinrich Gölzer der erste Gemeindebevollmächtigte (auch in ganz Schwaben) gewählt. Besonders aus den Anfängen ist noch das Wirken Wilhelm Deffners zu würdigen, der in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg mit Heinrich Gölzer Gemeindebevollmächtigter in Kempten war und vergebens im gesamten Allgäu vor den Gefahren des 1. Weltkriegs warnte. Am 9.11.1918 rief Deffner den provisorischen Arbeiter- und Soldatenrat in Kempten aus. Am 1. Mai 1919 erschien mit der „Allgäuer Volkswacht“ eine eigene sozialdemokratische Tageszeitung. Am 12. August zerstörten Mitglieder der rechtsgerichteten Freikorps-Soldaten die Druckmaschinen. Am 1. Juli 1920 wurde sie aus finanziellen Gründen in die „Augsburger Schwäbische Volkszeitung“ eingegliedert, deren Redakteur der spätere Reichstagsabgeordnete Josef Felder war.

Aurelia Deffner, (10.12.1881 Handzell/Pöttmes, gest. 29.6.1959 Augsburg) war 1901 Mitbegründerin und Vorsitzende des Sozialdemokratischen Bildungsvereins für Frauen und Mädchen. Nach Abschluss der Volksschule im Alter von 14 Jahren fing Deffner 1897 an als Textilarbeiterin in einer Augsburger Baumwoll-Feinspinnerei zu arbeiten. 1900 trat sie den Deutschen Textilarbeiterverband bei. Aufgrund ihrer Verlobung mit den aktiven Sozialdemokraten Wilhelm Deffner wurde ihr gekündigt, sie fand jedoch bald wieder Arbeit in der Kammgarnspinnerei. Im November 1902 heiratete sie und arbeitete für zwei weitere Jahre.

Ab 1904 war sie aktiv in Frauenorganisationen. 1905 wurde sie Vorstand des Augsburger Frauenbildungsvereins, 1906 wurde sie die Stellvertreterin der Vertrauensperson Marie Greifenberg, und ein Jahr später übernahm sie das Amt von Greifenberg. Deffner veranstaltete Leseabende auf den sich Frauen mit den Parteiprogramm der Sozialdemokraten befassten. Deffner warb auch für das Frauenwahlrecht, das die Sozialdemokratische Partei im Erfurter Programm von 1891 gefordert hatten. Als 1908 das Reichsvereinsgesetz geändert wurde so das Frauen volle Vereins- und Versammlungsfreiheit erhielten organisierte Deffner den geschlossenen Übertritt des Augsburger Frauenbildungsvereins in die SPD. Deffner wurde daraufhin in den Parteivorstand gewählt und 1910 wurde sie zweite Schriftführerin. Ende 1910 zogen Aurelie und Wilhelm Deffner mit ihren zwei Kindern nach Kempten, wo Wilhelm Deffner die Geschäftsstelle des Textilarbeiterverbands für den Allgäu einrichtete. Ab 1912 war sie erste Schriftführerin der SPD in Kempten. Sie agitierte für das Frauenwahlrecht auf Kundgebungen in Kempten und 1914 auf dem Frauentag in Augsburg. Als ihr Mann eingezogen wurde, übernahm sie in 1917 die Leitung des Kemptner Textilbezirkes. 1919 wurde Deffner als SPD Abgeordnete für den Wahlkreis Kempten-Sonthofen in den bayrischen Landtag gewählt. Während der Wahlperiode zog Fam. Deffner wieder nach Augsburg. Das Landtagsmandat endete 1920.

Der Duracher Förster Wilhelm Zimmerer war von 1925 bis zur Machtübernahme der Nazis 1933 Landtagsabgeordneter. 1922 wurde Albert Wehr (1895-1987) Vorsitzender der Kemptener SPD. 1929 übernahm er die Leitung der sozialdemokratischen republikanischen Schutztruppe „Reichsbanner“. Sie verfügte über 2 Hundertschaften vorwiegend junger Sozialdemokraten.

Mit der Machtübernahme 1933 wurden die sechs SPD-Stadträte verhaftet und in Kempten, Landsberg und dem KZ Dachau eingekerkert. Der letzte wurde 1934 wieder entlassen. Alle Parteiorganisationen waren verboten. Wilhelm Zimmerer und Albert Wehr versuchten eine Widerstandsgruppe aufzubauen. Durch die Verhaftungen scheiterte das Vorhaben. Viele Mitglieder wurden zu sehr harten Arbeiten (Eisenbahnschienen, Weichen und Stellwerkseinrichtungen enteisen, Steine für den Kasernenbau schleppen) zwangsverpflichtet. Trotzdem gab es geheim Treffen auf Berghütten und Verbindung zum Exilparteivorstand.

Johann Georg Birk(* 11.10.1839 Hinterbach/Hirschdorf bis † 23.09.1924 München)
Birk kommt 1858 nach Reisen durch Österreich und Russland sowie einem längeren Aufenthalt auf der Insel Krim nach München. Ab 1866 führt er seine Gastwirtschaft in der Baaderstraße 70. Diese ist während der Sozialistengesetze von 1878 bis 1890 wichtigster Treffpunkt der Münchner SPD. Am 5. Dezember 1893 zieht Georg Birk als erster Sozialdemokrat ins Gemeindekollegium ein. Fortan profiliert er sich im Stadtrat als Kämpfer gegen Mietwucher und Wohnungsspekulation, bemüht sich um das kostenlose Bürgerrecht für alle (das Bürgerrecht war zu dieser Zeit nur gegen Gebühren zu haben), setzt sich für den genossenschaftlichen Wohnungsbau und eine bessere Armen- und Waisenpflege ein. Von 1890 bis 1898 und von 1903 bis 1906 ist Georg Birk zudem Mitglied des Deutschen Reichstags, von 1899 bis 1905 Mitglied des Bayerischen Landtags. Schließlich arbeitet er von 1908 bis 1919 als Magistratsrat der Stadt München.

Johann Georg Birk

Heinrich Gölzer (* 3. Januar 1868 in Kempten; † 29. Januar 1942 ebenda)
Nach dem Besuch der Volksschule und der Fortbildungsschule in Kempten erlernte Gölzer das Schreinerhandwerk. Anschließend bereiste er als wandernder Handwerker große Teile Deutschlands und besuchte er die Gewerbeschule in Hamburg. 1888 trat er in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ein. Mitbegründer und langjähriges Vorstandsmitglied der SPD in Kempten. 1893 ließ Gölzer sich als selbständiger Schreinermeister in Kempten im Allgäu nieder. Sein Geschäft führte er bis mindestens 1919. 1905-1931 Gemeinderat (SPD) in Kempten (als erster Sozialdemokrat in das Kollegium der Kemptener Gemeindebevollmächtigten gewählt). 1912 wurde er Abgeordneter des bayerischen Landtags und Mitglied im Vorstand der Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei in Kempten. Später wurde er Gründungs- und Vorstandsmitglied der Ein- und Verkaufsgenossenschaft der Schreinermeister Kemptens G.m.b.H. Von 1918 bis 1919 war Gölzer Mitglied des Provisorischen Nationalrats von Bayern. Von Januar 1919 bis Juni 1920 saß Gölzer als Abgeordneter der SPD für den Wahlkreis 24 (Regierungsbezirk Oberbayern und Schwaben) in der Weimarer Nationalversammlung. 1919-1933 Mitglied des Stadtrats in Kempten und SPD-Fraktionsvorsitzender.

1933 befand sich Gölzer in Haft.

Gölzer AZ 7.4.2012